Nathaniel Rich – King Zeno

New Orleans 1918 / 1919. Eine Mafiawitwe, die in den Bau des Industrial Canal investiert und hofft, damit auf den Weg des legit business zurück zu kommen, ein Polizist, der von den (eigens verübten) Schrecken des Ersten Weltkriegs verfolgt wird, und ein junger ambitionierter Jazz-Musiker – das sind die drei Hauptfiguren in „King Zeno“. Sie alle drei sind zudem verbunden durch eine Mordserie, die die Stadt in Angst und Schrecken versetzt: ein myteriöser Axtmann macht Jagd auf vornehmlich sizilianische Lebensmittelhändler*innen. Beatrice Vizzini hat relativ schnell einen Verdacht, wer der Täter sein könnte; Bill Bastrop will diesen Fall unbedingt lösen in dem Glauben, er könne durch diesen beruflichen Erfolg seine zerrüttete Ehe retten, die seinen Lügen die Geschehnisse an der Westfront betreffend, zum Opfer gefallen ist; und Isadore „Izzy“ Zeno macht sich die furchteinflößende Macht des Axtmann-Phantoms zum Vorteil um die ganze Stadt in Jazz zu hüllen und diese aufregende und aufstrebende Musik (die in Chicago schon längt angesehen ist) aus ihrer dunklen und verruchten Ecke zu holen. Geschichte und Atmosphäre sind dicht und reich an Nebencharakteren und -schauplätzen, das erste Verschaffen eines Überblicks dauert seine Zeit. Dann allerdings ist die Leserin tief drin in den Jazzclubs und im Schlamm des Kanals, über den bereits bei Erbauung gemutmaßt wird, ob es geographisch wohl eine schlaue Idee ist dem dauerpräsenten Risikofaktor Wasser ein noch größeres Einfallstor zu bieten, aber die Kapitalinteressen sind von größerer Relevanz. Das Buch ist im Original bereits vor knapp drei Jahren erschienen, sonst hätte die Spanische Grippe wohl auch eine größere Rolle gespielt…

Friederike Schormann

Nathaniel Rich: King Zeno. Rowohlt. 978-3-7371-0091-5. 24 Euro.

Nell Zink – Das Hohe Lied

Ein New York Roman. Ein generationenübergreifender New York Roman. Alles beginnt mit Daniel, Joe und Pam, die sich Mitte der Achtziger Jahre zu einer experimentellen Punkband von eher kurzer Halbwertszeit zusammen finden. Das Trio wird bald durch Daniels und Pams Tochter Flora erweitert, für die Joe, der mittlerweile ein recht namhafter Solorockstar ist, babysittet. Wie das ganze Land, wie die ganze Welt wird auch die ungleiche Wahlfamilie vom 11. September 2001 zerrissen. Nun nehmen auch Pams Eltern, Mittelständler aus Washington D.C. eine größerer Rolle ein. Sie nehmen Flora zu sich, die fortan eine katholische Privatschule besucht, während ihre Eltern in New York bleiben und weiterhin in ihrem halblegalen und spottbilligen Loft über einem Videostore an der Lower East Side leben. Die Geschichte der Familie erstreckt sich bis zur Präsidentschaftswahl 2016, inklusiver aller die 10er Jahre vornehmlich bestimmenden Themen wie Gentrifzierung, Umweltbewegung, politischer Aktivismus. Bestückt mit zahllosen Verweisen auf Kultur und Historie ist das ein sehr unterhaltsames und – vor allem in der ersten Hälfte – beinahe atemloses Lesevergnügen.

Friederike

Nell Zink: Das Hohe Lied. Rowohlt Verlag. 978-3-498-07671-9. 25 Euro.

Elvira Dones – Verbrannte Sonne

Die Albanerin Leila kehrt im Sarg in ihr Heimatland zurück. Sie wurde in Italien zur Prostitution gezwungen. Ihre Tagebuchaufzeichnungen bilden den roten Faden in einem wahren Meer an Erzählungen von Frauen, die Leilas Weg kreuzten und mit denen sie an verschiedenen Orten zusammenlebte. Alle eint der Verrat durch männliche Vertrauenspersonen, die sie an Menschenhändler und Zuhälter nach Italien verkauft haben. Die Frauen, häufig noch Mädchen, werden gefoltert, vergewaltigt, gefangen gehalten, mundtot gemacht, als bloße Ware und Fleisch betrachtet. Allein Elvira Dones` empathischem, immer klaren und präzisen, manchmal fast dokumentarischem Stil ist es zu verdanken, dass man diesen Roman lesen kann. Ich habe die Geschichten von u.a. Suela, Laura, Mynyrnia verschlungen, ihren Zusammenhalt bewundert und war fassungslos über die Brutalität und Misogynie der Männer, die sie auf allen Ebenen ausbeuten. Der westliche Feminismus, der sich etwa dafür einsetzt, die Haus- & Care-Arbeit besser zu verteilen, wirkt wie ein schlechter Witz gegenüber den Bergen, die an dieser Stelle noch zu tun sind – der Roman wurde vor 20 Jahren geschrieben, ist aber leider nach wie vor aktuell.

Von Elvira Dones ebenfalls sehr empfehlenswert ist „Hana“, ein Roman über die Tradition der sogenannten Schwurjungfrauen in den Bergregionen Albaniens sowie „Kleiner sauberer Krieg“, was sich mit dem Schicksal der Zivilbevölkerung im Kosovo-Krieg auseinandersetzt.

Steffi Diez

Elvira Dones: Verbrannte Sonne. Ink Press. 978-3-906811-13-0. 23 Euro ERSCHEINT IM NOVEMBER 2020

Mercedes Spannagel – Das Palais muß brennen

Vermutlich neben „Die Infantin trägt den Scheitel links“ der verheißungsvollste (weil klangvollste) Titel des Jahres (eventuell fühlen aber auch nur Ex-Studis der Uni Potsdam so :)).

Luise ist die Tochter der österreichischen Bundespräsidentin, die einer rechten Partei angehört. Sie leben im besagten Palais, zusammen mit den 9 Windhunden der Bundespräsidentin und Luises Schwester Yara. Luise und Yara rebellieren ein bisschen gegen die Bundespräsidentin. Luise schafft sich einen Mops namens Marx an, Yara studiert schon länger nicht mehr Kunst, sondern ist Tätowiererin und dreht mit ihrem Freund feministische Pornos im Palais. Eine Guerillakunstaktion zum Thema Anti-Anti-Abtreibung soll auf dem Wiener Opernball ein bisschen für Unordnung sorgen und die Bundespräsidention und ihre Kumpan*innen in die Bredouille bringen.

Luise und Marx marodieren mit verschiedenen Begleitungen durch Wien, werfen ein bisschen mit antikapitalistischen Phrasen um sich, sind ein bisschen anti alles, aber dann doch nicht so sehr, um nicht doch die eine oder andere Szeneparty der Partei mitzunehmen und Spuren zu hinterlassen. Das alles zu beobachten ist ein rasantes und kurzweiliges Unterfangen, dass die Leser*innen mit einigen Fragen bezüglich einer angemessenen Reaktionsform auf die Omnipräsenz rechten und konservativen Gedankenguts zurück- und die eigene Ohnmacht überdenken lässt.

Friederike Schormann

Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen. Kiepenheuer & Witsch. 978-3-462-05509-2. 18 Euro.

Jhumpa Lahiri – Wo ich mich finde

Wir folgen einer namenlosen Protagonistin hinein in ihren Alltag als Geisteswissenschaftlerin an einer Universität, und auf Streifzüge durch eine nicht näher beschriebene Stadt in Italien. Sie ist Mitte 40, wohnt allein, ihre Tage ähneln einander. Sie besucht stets die gleichen Orte, am Wochenende ihre Mutter. In kleinen Episoden von zumeist nur wenigen Seiten bekommen die Leser*innen Einblicke in Beziehungen, die waren oder hätten sein können, in eine Kindheit, die vielleicht doch nicht so wunderschön gewesen ist, gemachte Erfahrungen und Entscheidungen, die noch getroffen werden wollen.

Erinnerte mich ein wenig an die Outline-Trilogie von Rachel Cusk, auch wenn Lahiris Protagonistin weit weniger passiv ist.

Friederike Schormann

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde. Rowohlt Verlag. 978-3-498-00110-0. 20 Euro.

Elena Ferrante – das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Gleich vorneweg: ob das ein typischer Ferrante-Titel ist kann ich leider nicht beurteilen, es ist tatsächlich mein erster Ausflug in diese Sphäre. Protagonistin und so langsam in besagtes Erwachsenleben einsteigend ist Giovanna, Tochter zweier Akademiker*innen aus einem der besseren Teile Neapels. Als sie eines Tages hört wie ihre Eltern sie mit der (scheinbar) verhassten Tante Viktoria, der Schwester des Vaters, die eigentlich ein abolutes Tabuthema der Familie ist, vergleichen, stürtzt sie das in tiefe Unsicherheite und Unruhe. Sie möchte sich mit ihr treffen und tritt damit in eine ganz neue Welt ein: die Tante ist laut, kettenrauchend, zugleich recht vulgär und streng gläubig, und stammt aus einer geographisch wie sozial ganz anderen Ecke Neapels als Giovanna und ihre Eltern. Dass also die Tante doch kein so ohne Einschränkungen schlechter Mensch ist wie in den Erzählungen der Eltern, ist eine der ersten „Lügen“ der Geschichte.

Bald stellt sich aber auch heraus, dass besagte „Lügen“ vielleicht doch zu einem großen Teil einfach Mechanismen sind, mit dem Leben und komplexen Situationen umzugehen; Mechanismen wie sie auch Giovanna sehr bald anwendet. Giovannas Jugend zwischen Elternhaus, Freund*innen, Tante und deren Anhang, und irgendwie auch zwischen einem höheren und einem niedrigeren Teil von Neapel zu beobachten, ist vielleicht zuweilen ein bisschen kitschig, aber aufhören, das alles zu verfolgen, kann man dann doch nicht.

Friederike Schormann

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Suhrkamp. 978-3-518-42952-5. 24 Euro.

Rye Curtis – Cloris

Die 72-jährige Cloris Waldrip, streng gläubige Methodistin aus einer texanischen Kleinstadt, ist mit ihrem Mann auf dem Weg in einen Kurzurlaub, den sie in einer einsamen Hütte in den Bergen Montanas verbringen möchten. Auf dem Weg dorthin stürzt das Flugzeug ab, der Pilot und Mr. Waldrip (wie Cloris ihn stets nennt) kommen dabei ums Leben und sie ist gezwungen sich als einzige Überlebende allein durch die Wälder zu schlagen. Sie wird schnell (und vermutlich gezwungenermaßen) recht erfinderisch, bekommt aber dennoch Hilfe von einem unbekannten Begleiter, der sich zunächst gar nicht zeigen will, später dann nur mit einem T-Shirt vermummt. Parallel begibt sich die für das Gebiet zuständige Rangerin Debra Lewis auf die Suche nach Cloris. Bald ist sie die Einzige, die noch an ein Überleben der älteren Frau glaubt, auch das zunächst zur Unterstützung gesandte Search & Rescue Team rückt bald wieder ab. Während Debra und ein paar verbliebene Kolleg*innen nebst skurrilem Anhang weiter suchen, gewöhnt sich Cloris derartig an ihre neue Realität (bzw. fürchtet die alte, die es nun durch den Tode Mr. Waldrips so nicht mehr gibt), dass sie sogar vor ihrem Suchtrupp flieht. Die parallel verlaufenden Handlungen sind voll von leicht durchgeknallten Personen und absolut absurden Szenen – im positivsten Sinne. Ranger Lewis säuft in einer Tour allerbilligsten Merlot aus der Thermosflasche, ihre Nachbarin baut einen Homunculus nach Lewis‘ Abbild, unter anderem aus Tierkadavern, und dergleichen mehr. Ein Rezensent schrieb, er freue sich auf die Verfilmung durch die Coen-Brüder. So ungefähr muss man sich das vorstellen.

Friederike Schormann

Rye Curtis: Cloris. C. H. Beck. 978-3-406-75535-4. 24 Euro.

Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte

Der Roman folgt den Zwillingsschwestern Desiree und Stella Vignes aus der Kleinstadt Mallard in Louisiana. Die schwarze Bevölkerung des Ortes ist stolz darauf, über die Jahre immer heller, „weißer“ geworden zu sein. Dennoch ist auch oder grade dort der Rassismus in all seiner Grausamkeit allgegenwärtig und so wird der Vater der Zwillinge, die mütterlicherseits mit dem Stadtgründer verwandt sind, von Weißen gelyncht. Mit 16 Jahren verlassen die Mädchen über Nacht die Stadt, schlagen sich zunächste einige Jahre gemeinsam in New Orleans durch, doch als Stella eines Tage nicht von der Arbeit nach Hause zurückkommt, trennen sich auch ihre Wege. Stella passed irrtümlicherweise als Weiße, korrigiert diese Annahme jedoch nie und lebt von nun an mit ihrem recht wohlhabenden Mann und der gemeinsamen Tochter als Weiße Frau in L.A., in ständiger Furcht, jemand könne ihr Geheimnis entdecken. Desiree hingegen heiratet den „dunkelsten Mann, den sie finden konnte“ und bekommt ebenfalls eine Tochter, die mit der Mutter keinerlei Ähnlichkeit hat. Die Wege der Familie(n) verlaufen parallel, voneinander getrennt und kreuzen sich dann doch wieder, vor allem in Form der Töchter Kennedy und Jude. Permanent müssen alle Beteiligten ihre eigenen (multiplen) Identitäten mit sich selbst und vor allem im Zusammenspiel mit den jeweiligen Gegenübern neu ver- und aushandeln, ebenso wie ihr Verhältnis zu Herkunft und Zusammenhalt in gewählten und nicht-gewählten Communities.

Friederike Schormann

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte. Rowohlt Verlag. 978-3-498-00159-9. 22 Euro.

Isabelle Mayault – Eine lange mexikanische Nacht

Die Frage, wer eigentlich auf der anderen Seite der Kamera steht, verliert zuweilen an Bedeutung. Isabelle Mayault erinnert in ihrem Roman „Eine lange mexikanische Nacht“ (Übersetzung Jan Schönherr) an die Fotograf*innen Robert Capa, Chim und Gerda Taro, die den spanischen Bürgerkrieg dokumentierten. Bis dato unbekannte Teile ihrer Arbeit tauchten erstmalig 2007 in Mexiko-Stadt auf. Der sie beherbergende sogenannte „mexikanische Koffer“ ist der Ankerpunkt des Romans. Die Geschichte des Koffers entfaltet sich entlang der inspirierenden Erlebnisse einiger seiner Wegbegleiter*innen in Mexiko, Spanien und Portugal. Als Nachfolger und Ergänzung empfehle ich „Das Mädchen mit der Leica“ von Helena Janeczek (übersetzt von Verena von Koskull) – die Geschichte der besagten Gerda Taro, einer Pionier*in der Fotografie, die viel zu lange in Vergessenheit geraten war.

Friederike Schormann

Isabell Mayault: Eine lange mexikanische Nacht. Rowohlt Verlag. 978-3-498-00146-9. 22 Euro

Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim, ein 70-jähriger pensionierter Tierarzt, der Gedichte schreibt und liest, leidet unter fortschreitender Demenz. Was keiner außer ihm weiß: Er ist ein Serienmörder. Der letzte Mord liegt Jahrzehnte zurück. Kim lebt heute mit seiner Adoptivtochter zusammen, die er damals, nach dem Mord an ihren Eltern, zu sich genommen hat. Nun beschäftigen ihn mehrere Befürchtungen: Er hat Angst, sich zu verraten – aber vor allem belastet ihn, dass ein Mann, den er als anderen Serienmörder kennt, um seine Tochter wirbt. Diesen Mann möchte er noch töten, um seine Tochter zu schützen, bevor er sein „Handwerk“ endgültig an den Nagel hängt. Letztendlich aber kommt es anders: Alle vermeintlichen Gewissheiten werden von der Krankheit zerrieben – hat es sie überhaupt jemals gegeben?

„Aufzeichnungen eines Serienmörders“ ist das Tagebuch Kims, das er führt, um sich ein Geländer für seinen Alltag zu schaffen. Dem koreanischen Autor Young-ha Kim ist hier in der Übersetzung von Inwon Park ein hochelegantes ästhetisches Experiment gelungen: Philisophische, existienzielle Betrachtungen stehen neben Ereignissen des Tages und Reflexionen über das Leben als Serienmörder und werden zusehens mehr zum Verwirrspiel, das man als spannendes Puzzle liest. Zurecht stand der Roman auf der Krimi-Bestenliste und wurde darüber hinaus auf die Hotlist der Unabhängigen Verlage gewählt.

Steffi Diez

Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders. Cass verlag. 978-3-944751-22-1. 20 Euro