Evie Wyld – Die Frauen

Als bereits auf den ersten paar Seiten eine in einen Koffer gestopfte und verbrannte Frauenleiche am Strand gefunden wird stellt sich die Frage wie und wohin sich diese „feministische Ghost Story“ wohl noch zu entwickeln vermag, wie nun genau mit dem in der aktuellen Literatur noch immer omnipräsenten Bild der toten Frau umgegangen werden wird. Spätestens zur Mitte des Buches stellt sich aber in in aller Deutlichkeit heraus, dass Gewalt gegen Frauen hier nicht das Mittel zum Zweck sondern viel eher das zentrale Thema des Buches ist. Erzählt werden drei Handlungsstränge, alle angesiedelt in der schottischen Einöde, nahe des (im Original) titelgebenden Bass Rock, einer unbewohnbare Felsformation direkt vor der Küste.

Viviane pendelt zwischen London und Schottland um das Haus ihrer Stiefgroßmutter und Großtante zu verkaufen. Sie schleudert eher planlos, destruktiv und zuweilen depressiv durch ihr Leben, was dank des trockenen Tonfalls, der ihre Episoden prägt, durchaus eine absurde Komik hat. Im zweiten Erzählstrang ist Ruth, die sich nach einiger Zeit als besagte Stiefgroßmutter rauskristallisiert, grade frisch in besagtes Haus eingezogen, zusammen mit ihrem Ehemann und dessen 2 Söhnen. Der dritte, am wenigsten präsente Strang erzählt die Geschichte der jungen Sarah, vermutlich irgendwann im 16./17. Jahrhundert, die der Hexerei bezichtigt wird und von einem Witwer und seinem Sohn aufgenommen wird. Die Stränge sind offenbar durch die Verwandtschaftsverhältnisse der Frauen miteinander verbunden. Letztendlich ist es aber die gemeinsame Erfahrung tagtäglich männlich-patriarchaler Gewalt ausgesetzt zu sein, die die Frauen verbindet. Und sie auch in Form von geisterhaften Erscheinungen immer wieder daran erinnert.

Neben dem eingangs beschriebenen Horror der physischen Gewalt (kurze Episoden dieser Art werden regelmäßig eingestreut) ist es vor allem die psychischen Formen der Machtausübung und -ausstrahlung, die diesen Roman zu ebenjener düster-realistischen „Ghost Story“ und „Gothic Novel“ machen.

Friederike Schormann

Evie Wyld: Die Frauen. Übersetzt von: Tanja Handels. Rowohlt. 978-3-498-00206-0. 22 Euro.

Isabela Figueiredo – Die Dicke

Maria Luisa hat ihre ersten Lebensjahre bis zur Pubertät in Mosambik verbracht, wo ihr Vater, ein Vertreter der portugiesischen Kolonialmacht, als Elektriker arbeitete. Als Mosambik 1975 unabhängig wird, schicken die Eltern Maria Luisa auf ein Internat nach Portugal. Als „Retornado“ ist sie dort eine Außenseiterin. Sie freundet sich mit Tony an, einer Rückkehrerin aus Angola – doch die beiden unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt: Tony ist schlank und wunderschön, nahezu perfekt, Maria Luisa ist dick und wird als Wal oder Monster beschimpft. Diese Tatsache prägt das Machtverhältnis innerhalb der Freundschaft.

10 Jahre später kehren Maria Luisas Eltern endgültig Mosambik den Rücken; Maria Luisa studiert und verliebt sich unsterblich in den jüngeren David. Dieser erwidert ihre Gefühle und begehrt ihren fülligen Körper. Nach und nach aber, trotz des starken sinnlichen, sexuellen und intellektuellen Bandes zwischen beiden, entfernt sich David. Seine Kommilitonen ziehen ihn auf, weil er mit einer Dicken zusammen ist. Schließlich kommt es zur Trennung, an der Maria Luisa fast zerbricht. David wird der Mann sein, der sie ihr ganzes Leben lang beschäftigt und nach dem sie sich sehnt.

Die Protagonistin erzählt ihr Leben in Rückblenden aus der Perspektive einer Fünzigjährigen. Isabela Figueiredo wählt dabei eine außergewöhnliche Struktur: Jedem Kapitel des Romans liegt ein anderes Zimmer der elterlichen Wohnung – die nun Maria Luisa gehört – zugrunde und bietet den metaphorischen und realen Resonanzraum für alle Szenen. Das wirkt ganz so, als würde sich dort das Erlebte mit David, mit Freunden und Verwandten immer wieder abspielen und stetig verdichten. Dieser Kniff hat einen ganz besonderen Reiz und funktioniert ziemlich gut.

„Die Dicke“ ist nicht nur ein Roman über das Ausufern des Leibes, sondern vor allem ein Buch über die Lust am Leben, am Essen, an Atmosphäre, Fantasie und Sinnlichkeit, die manchmal alle Grenzen überschreitet.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Isabela Figueiredo mit ihrem schon 2009 erschienenen autobiografischen Buch „Roter Staub. Mosambik am Ende der Kolonialzeit“ in Portugal eine lange unterdrückte heftige Debatte über den portugiesischen Kolonialismus ausgelöst hat. Auch die Geschichte von Maria Luisa gleicht ihrer eigenen, dennoch hat die Autorin hier sehr viel intensiver fiktionalisiert.

Steffi Diez

Isabela Figueiredo: Die Dicke. Übersetzt von Marianne Gareis. Weidle Verlag. 978-3-938803-98-1. 24 Euro

Bernardine Evaristo – Mädchen, Frau etc.

Die 2019 als erste Schwarze mit dem Booker Prize ausgezeichnete Autorin Bernardine Evaristo lässt uns in „Mädchen, Frau etc.“ zwölf weibliche, mehrheitlich Schwarze Charaktere aus fünf Generationen erleben, die alle in irgendeiner Weise mit der Premierenparty eines Schwarz-feministischen Theaterstückes am National Theatre in London verknüpft sind.

Da sind Amma, die Autorin von „Die letzte Amazone von Dahomey“, eine polyamorös veranlagte Lesbe und ihre beste Freundin und Seelenverwandte Dominique, die gemeinsam vor Jahrzehnten eine Theatertruppe leiteten, – bis Dominique mit ihrer vermeintlich großen Liebe (die sich später als narzißtisch und herrschsüchtig herausstellte) in eine männerfreie Kommune in den USA gezogen ist. Yazz, Ammas 19-jährige Tochter, beschäftigen die Annäherungsversuche ans andere Geschlecht, die sich oft erschwerend über digitale Wege abspielen. Megan/Morgan, die/der sich als nichtbinär erfährt, berichtet auf Twitter über die Premiere und Premierenparty. Sie/Er kümmert sich in regelmäßigen Abständen um ihre/seine zähe Urgroßmutter Hattie, die über 90 ist und noch immer einen Hof in Nordengland bewirtschaftet. Hatties Mutter Grace hatte zwei Kinder verloren; Hatties Geburt stürzte sie in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts in eine schwere Depression, mutmaßend, dass auch dieses Kind sterben werde. Carol, eine Investmentbankerin, deren Eltern in Nigeria aufgewachsen sind, kann sich mit dem uraufgeführten Drama wenig identifizieren.

Evaristo nennt ihren beinah komplett ohne Interpunktion auskommenden Stil „Fusion Fiction“. Dieser manifestiert sich in überschäumender Erzählenergie und hinreißendem Witz. In „Mädchen, Frau etc.“ (glänzend von Tanja Handels übersetzt) erfährt die Leser*in, dass Humor ein Lebensmotor ist und mit großer Ernsthaftigkeit verfolgte politisch essenzielle Themen trotzdem mit einem Augenzwinkern versehen werden können, sogar müssen. Eine beglückende Lektüre, ein absoluter Must Read.

Steffi Diez

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc. Tropen Verlag. Übersetzt von Tanja Handels. 978-3-608-50484-2. 25 Euro

Wanda Coleman – Strände. Warum sie mich kaltlassen.

Der Augsburger Maro Verlag widmet sich der als „L.A. Blueswoman“ bezeichneten Lyrikerin Wanda Coleman und bringt die von Terrance Hayes zusammengestellte Anthologie „Wicked Enchantment“ – von der New York Times unter  „Best Poetry 2020“ gezählt – in bezaubernder Ausstattung auf deutsch heraus.

Die 1946 geborene und 2013 verstorbene Lyrikerin ist bekannt für ihre Amerikanischen Sonette; ihre sozialkritischen Gedichte, die sich mit ihren Erfahrungen als intersektional Benachteiligte, als Schwarze, von Armut betroffene Frau auseinandersetzen. Dabei läuft sie zu experimentellen und teilweise witzigen Hochformen auf, etwa wenn sie in „eignungstest“ stereotype Ressentiments verwendet: „…drei schwarze frauen an einer straßenecke sind/ a) Zeugen Jehovas/ b) nutten / c) zornige mütter auf der suche nach ihren mißratenen söhnen/ d) auf dem weg, um selbstgebackenes zeug zu verkaufen/ e) im clinch wegen eines mannes“. Neben vielen eruptiv wütenden Gedichten, in denen sie mit sich selbst, ihrem Wesen und ihren Bedürfnissen hadert, und die durchaus existenziell-universell, nicht allein People of Color-spezifisch gelesen werden können, birgt die Anthologie auch viele zarte, melancholische Töne. „Kratz mich: … herbst/ wenn sich der smog lichtet, ist mein herz diese stadt/ am ende des tages bemalt die kühle goldrote sonne die wolkenkratzer im zentrum/ die kinder gehen zurück in die schule/…“. Beeindruckend ist die unglaubliche Verbundenheit mit Lyriker-Kolleg*innen und mit Opfern der Geschichte rassistischer Gewalt, denen Gedichte gewidmet bzw. die durch Colemans Lyrik ins Zentrum gestellt werden. „Strände. warum sie mich kaltlassen.“ ist ein Band voller poetischen Reichtums, erfahren übersetzt von Esther Ghionda-Breger.

Steffi Diez

Wanda Coleman: Strände. Warum sie mich kaltlassen. Übersetzt von Esther Ghiona-Breger. Maro Verlag. 978-3-87512-497-2 . 24 Euro

Judith Hermann – Daheim

Ein Paar trennt sich, als die Tochter erwachsen wird und auf Reisen geht. Der Mann bleibt zurück; die Frau zieht in ein leeres Haus, vermutlich in Ostfriesland, und arbeitet dort in der Gastwirtschaft ihres Bruders. Als ein Tier auf dem Speicher, wohl ein Marder, ihre Nächte stört, installiert der Bruder ihrer Nachbarin, ein Schweinebauer, eine Kastenfalle. Dieser Kasten stößt eine Erinnerung in der Protagonistin an, wie sie als junges Mädchen von einem Zauberer als Assistentin geworben wurde und probeweise im mit Lackpapier mit silbernen Sternen beklebten Zauberkasten lag, um  zersägt zu werden. Der Zauberer wollte sie mit auf Kreuzfahrt nach Singapur nehmen, aber die damals junge Ich-Erzählerin bleibt in der mittelgroßen Stadt und bei ihrer Arbeit in der Zigarettenfabrik.

In Judith Hermanns Roman „Daheim“ gibt es einige Kästen – und u.a. ein Mädchen, das von ihrer Mutter in einen solchen gesperrt wurde. Es gibt enge, volle Räume, etwa den Schweinestall des Bauern, mit dem die Protagonistin eine Beziehung beginnt und das Archiv ihres Mannes, der als Prepper Gegenstände sammelt, die im Falle des Zusammenbruchs der Zivilisation nützlich sein sollen. Und es gibt die Weite und Einsamkeit des Himmels, der Weiden, des Meeres und Strandes, die sie gemeinsam mit ihrer Nachbarin Mimi erkundet, die ihre Freundschaft sucht. Langsam beginnt die Ich-Erzählerin, Wurzeln zu schlagen.

„Daheim“ lebt von den souveränen poetischen Bildern, die für sich stehen und über jede Interpretation erhaben sind – und denen man sich wunderbar überlassen kann.

Steffi Diez

Judith Hermann: Daheim. S. Fischer Verlag. 978-3-10-397035-7. 21 Euro

Shida Bazyar – Drei Kameradinnen

Kasih, Hani und Saya sind Freundinnen seit quasi immer, seit ihrer gemeinsamen Kindheit in „der Siedlung“, seit ihren gemeinsamen Nachmittagen auf den Treppen der Wohnungsaufgänge und in den Wohnungen der Eltern. Um die Hochzeit einer weiteren Freundin (oder eher Bekannten) aus Jugendtagen zu feiern verbringen die drei mal wieder ein paar gemeinsame Tage in einer großen Stadt, in der Kasih und Hani seit einigen Jahren wohnen.

Die Geschichte ihrer gemeinsamen Tage ist auch die Geschichte ihrer gemeinsamen Vergangenheit, erzählt von Kasih, die eines Nachts am Schreibtisch sitzt und alles runterschreibt. Zu dem Zeitpunkt ist Saya im Untersuchungsgefängnis, weil sie beschuldigt wird unter Allahu Akbar-Rufen ein Wohnhaus angezündet zu haben. Kasih versucht zu erläutern, wie es dazu kommen konnte ohne jemals ganz klar zu sagen, ob das in einem Zeitungsartikel wie oben beschriebene Szenario tatsächlich so stattgefunden hat. Überhaupt stellen sich viele von Kasihs Erzählungen und Episoden als nicht wahr heraus. Doch „so oder so ähnlich hätte es ablaufen können“ in einer Gesellschaft, in der die drei Kameradinnen nicht unbedingt als der Mehrheit angehörig gelesen werden. Mit voller Absicht und zur Verunsicherung der Leser*innen vermischt Kasih immer wieder Tatsächliches und Eventuelles, stellt jede Chronologie auf den Kopf und weist zudem permanent ihre mutmaßlich auf Akribie und Ordnung getrimmten Leser*innen zurecht, spricht sie an, will sie auf frischer Tat dabei ertappen, wie sie eigentlich total gerne wissen wollen würden woher denn Kasih, Hani und Saya nun überhaupt kommen?!

Das kommt zuweilen etwas oberlehrer*innenhaft daher und ist manchmal nicht so leicht zu ertragen, doch es ist erst der Plottwist am Ende, der (zurecht!) richtiges Unwohlsein verursacht.

Friederike Schormann

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen. Kiepenheuer & Witsch. 978-3-462-05276-3. 22 Euro.

Leslie Jamison – Es muss schreien, es muss brennen

Leslie Jamison wirft mit ihren in „Es muss schreien, es muss brennen“ versammelten Essays einen Blick auf verschiedenste Formen menschlicher Beziehungen, sowie einzelne prägende oder gar sinnstiftende Episoden, vielleicht sogar Bewältigungstrategien. Mit ihrem selbst bescheinigten Herz für die Underdogs und die Unverstandenen begibt sie sich auf die Reise. Zu einem einsamen Wal mit riesiger Internetfanbase; zu einem Jungen, der vielleicht die Reinkarnation eines im Vietnamkrieg gefallenen Soldaten ist; ins virtuelle „Sim Life“; ins über alles gekünstelte Las Vegas; zum Museum der Zerbrochenen Liebe nach Sarajevo; zu Hochzeiten, Stiefmüttern und dem eigenen Körper. In jeder Kleinigkeit des Alltags sucht und findet sie eine schreiende und brennende Intensität und Wahrhaftigkeit, wobei sie sich stetig fragt: welche Version (m)eines Selbst liegt gewissen Wahrnehmungen von oder Glauben an etwas zugrunde?

Die Erkenntnisse sind nicht zwangsläufig neu, aber sie im Rahmen der genannnte Episoden (und noch einiger mehr) zu erkunden bereitet große Freude und eine feine Mischung aus Eskapismus und doch-ein-bisschen-zum-Nachdenken-anregend.

Friederike Schormann

Leslie Jamison: Es muss schreien, es muss brennen. Übersetzt von: Sophie Zeitz. Hanser Berlin. 978-3-446-26790-9. 25 Euro.

Naoise Dolan – Aufregende Zeiten

Ava ist 22, lebt und arbeitet seit einiger Zeit in Hongkong, wo die gebürtige Irin an einer Privatschule Englisch als Fremdsprache unterrichtet. Sie wohnt in einer Air’n’b Wohnung mit zwei Mitbewohner*innen, mit denen sie sich hinlänglich gut versteht, und auch mit den Kolleg*innen von der Arbeit, allesamt Expats, geht sie hin und wieder aus. Doch ihr einziger „richtiger“ Freund ist Julian, ein Banker aus London mit entsprechendem Gehalt. Bald zieht Ava bei ihm ein, sie führen eine Art Beziehung. Beide sind auf ihre Art emotional kalt und distanziert (bzw. tragen diese Fassade nach außen), dennoch lechzt Ava nach irgendwelchen Zeichen der Zuneigung von Julian. Warum genau sie das tut wird weder der Leser*in noch, wie sich später rausstellt, Ava so ganz klar. Als Julian auf einer längeren Geschäftsreise ist, während der er Ava weiterhin Wohnung und Kreditkarten nutzen lässt, lernt Ava Edith kennen. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander, werden schließlich ein Paar. Als Julian zurückkommt muss Ava endlich den jeweiligen Personen von ihrer Beziehung zur jeweils anderen erzählen, was sie bis dahin vermieden hatte.

Dolan erzählt vielleicht keine klassische Liebesgeschichte, aber eine moderne Geschichte von Liebe und Abhängigkeiten, emotionaler und auch ökonomischer Art. Ava und Julian, die nicht in der Lage sind einander zu sagen, was sie empfinden, einerseits; aber auch nicht in der Lage sind zu erkennen, dass es vielleicht gar nicht die ganz große romantische Liebe ist, vor der sie sich zu schützen versuchen. Ava und Edith, die vermutlich schon der jeweils anderen ganz große romantische Liebe sind, auf die Ava sich aber aus Furcht nicht einlassen kann.

Dolan schreibt zuweilen in sehr vertrackten Sätzen, die Aufmerksamkeit oder mehrmaliges Lesen erfordern. In diesen Sätzen verbirgt sich aber auch eine scharfe Ironie, die umso besser wirkt, weil Ich-Erzählerin Ava sie auch permanent gegen sich selber verwendet. Konsequenterweise spiegeln sich die Arten der jeweiligen Beziehungen auch im Erzählstil wieder, sodass der erste Teil weitaus anstrenger ist als die anderen beiden, aber das ist schnell vergessen. Generell lohnt es sich wahrschienlich das Buch im Original zu lesen, da es eine Fülle an Bemerkungen zu sprachlichen Eigenheiten des Irischen Englisch gegenüber dem Britischen Englisch gegenüber dem Englisch-das-den-Kindern-reicher-Eltern-in-Hongkong-gelehrt-werden-soll aufweist.

Friederike Schormann

Naoise Dolan: Aufregende Zeiten. Übersetzt von: Anne-Kristin Mittag. Rowohlt. 978-3-498-00217-6. 20 Euro.

Sebastian Barry – Annie Dunne

Mit knapp zwanzigjähriger Verspätung ist nun auch „Annie Dunne“, einer der früheren Romane von Sebastian Barry ins Deutsche übersetzt und vom Steidl Verlag herausgegeben worden.

Die Handlung spielt im ländlichen Irland der späten 50er Jahre, wo die titelgebende Annie gemeinsam mit einer entfernten Verwandten, Sarah, einen kleinen Hof unterhält. Die ursprüngliche Zweckgemeinschaft der beiden ist zu einem liebevollen und harmonischen Zusammenleben geworden. Die Tage sind gefüllt und geprägt von der Arbeit auf dem Hof, die die beiden – worauf Annie großen Wert legt – trotz aller Umstände weitestgehend alleine erledigen. Zwei Ereignisse nun bringen Annies halbwegs geordnetes Leben durcheinander. Das ist zum einen die Ankunft der Kinder ihres Neffen, auf die sie und Sarah den Sommer über achten sollen, und Sarahs plötzliche Absicht einen Mann aus der Nachbarschaft zu heiraten, dem Annie von jeher nicht sehr wohlgesonnen gegenübersteht.

Annies zuweilen ambivalenten Gefühle den Kindern gegenüber und nicht zuletzt die Sorge um ihre eigene Zukunft bringen Erinnerungen an ihre eigene Vergangenheit zutage: aufopferungsvoll kümmerte sie sich als einzige um ihren psychisch kranken Vater und ihre Schwester, hatte nie eine eigene Familie, ist aufgrund einer Kinderlähmung körperlich gezeichnet, und konnte nur durch die Aufnahme bei Sarah der Obdachlosigkeit entgehen.

Mit gewohnt intensiver bildlicher und metaphorischer Sprache, die manchmal bis knapp vor die Übersättigung geht, beschreibt Barry nun Annies aufgewühltes Innenleben, ihre zuweilen verzweifelten Versuche das Richtige zu tun, und vor allem sich und ihre Lieben zu schützen.

Friederike Schormann

Sebastian Barry: Annie Dunne. Übersetzt von: Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel. Steidl Verlag. 978-3-95829-934-4. 24 Euro.

Rumena Bužarovska – Mein Mann

In insgesamt 11 kurzen Stories nimmt die nordmazedonische Schriftstellerin verschiedene Ehe- und Familienleben auseinander und entblößt dabei die haarsträubenden Absurditäten, die sich in diesen Arrangements mitunter einstellen können.

In allererster Linie bekommen natürlich die Männer ihr Fett weg: sie belügen dummdreist sich selbst und ihre Partnerinnen, sind selbstverliebt und selbstüberschätzend, wollen bestimmen und diktieren einerseits, sind sprachlos andererseits, verkennen die Realität, und sind nicht selten einfach trottelig. Doch all ihr Verhalten verpufft natürlich nicht im luftleeren Raum sondern hat Auswirkungen, die über bloßes Kopfschütteln weit hinausgehen. Und so sind es vor allem die Frauen, die durch ihre Handlungen erschüttern und aufwühlen. Handlungen, zu denen sie zum Teil gezwungen werden, wie die Erzählerin der Geschichte „Lile“, die mit ihrer gleichnamigen Tochter gegen den unbegründeten Willen ihres Ehemannes ihre sterbende Mutter besucht, ein Besuch in dessen Verlauf sich ein Unfall ereignet, an dessen Folgen Lile sterben wird.

Fälle wie diesen, in denen ein wie auch immer gearteter Versuch aus der destruktiven Verbindung zum Ehemann auszubrechen kolossal bis tödlich schiefgeht, gibt es so einige in Bužarovskas Geschichten. Am symbolischsten mit Abstand die Geschichte „8. März“, in der die Protagonistin nach einer kurzen Diskussion mit der einzigen annähernd feministischen Person im ganzen Band, kurzentschlossen eine Affäre mit einem schmeirigen Kollegen beginnen möchte, was allerdings inklusive Lebensmittelvergiftung und Polizeieinsatz grandios scheitert. Ist das ernüchternd oder gar resignierend? Hoffentlich nicht. Trotz allem wären fast all diese Männer und ihre Egos mit links dekonstruierbar. Doch allzu häufig wird das von den (durch die Männer selbst geschaffenen) Umständen erschwert, und diese perfide Gleichzeitigkeit gilt es im Auge zu behalten.

Friederike Schormann

Rumena Bužarovska: Mein Mann. Übersetzt von: Benjamin Langer. Suhrkamp. 978-3-518-42976-1. 22 Euro.