Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Nam-Joo Cho erzählt in ihrem ersten Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ die Geschichte ebenjener Person, einer jungen Frau aus Korea. Bei einem Familienbesuch bei den Eltern ihres Ehemannes beginnt Jiyoung plötzlich sich merkwürdig zu verhalten. Sie spricht mit der Stimme und aus der Erfahrung ihrer Mutter, ihrer Schwester, der Schwester ihres Mannes. In Rückblicken erhalten wir Einblicke in Jiyoungs Leben: als kleines Mädchen, als sie und ihre ältere Schwester stetig hinter dem weit jüngeren Brüder zurückstecken mussten, eben weil sie Mädchen waren; als junge Frau, ständig in Angst einem Mann „keine falschen Signale zu senden“; als erfolgreiche Berufstätige, mit weit geringerem Verdienst als die weniger qualifizierten männlichen Kollegen, ständig dem Spott und den Übergriffen ebendieser ausgesetzt; als Ehefrau und Mutter, die natürlich nicht weiter arbeiten kann, weil Mutterschutz in Korea nur wenige Wochen möglich ist, weil eine Babysitterin Geld kostet und weil der Ehemann auch gar nichts dagegen hat alleine für alles zu sorgen. Jiyoungs Geschichte ist Roman und Bestandsaufnahme zugleich, immer wieder tauchen Fußnoten mit wissenschaftlichen Studien zu dieser und jener Behauptung auf. Auch sind all die, man möchte fast sagen „absurden“ Situationen, wenn es nicht so dramatisch und erschütternd wäre, sicherlich in der Figur Jiyoung und in ihrem Leben auf die Spitze getrieben. Häufig weiß man nicht, ob man angesichts der bodenlosen Frechheit / Dummheit / Dreistigkeit (Reihe beliebig fortzusetzen) der Männer in Jiyoungs Leben und der sie produzierenden Gesellschaft lachen oder weinen soll. Die koreanische Gesellschaft mag da ein besonderes Beispiel sein, doch in vielen der geschilderten Situationen dürfte sich ein Großteil der Frauen wiederfinden – egal wo. Und vielleicht hat Pauline Harmange [Verlinkung zu „Ich hasse Männer“ :)] am Ende doch recht …

Friederike Schormann

Nam-Joo Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982. Kiepenheuer & Witsch. Übersetzung von Ki-Hyang Lee. 18 Euro.

Steven Uhly – Finsternis

In Steven Uhlys „Finsternis“ begibt sich der Kriminalbeamte Abid Malik in Therapie um seinen jüngsten Fall zu verarbeiten, oder dies zumindest zu versuchen. Zusammen mit seinem Partner ermittelte er im Falle einer ermordeten Frau, die offenbar der BDSM-Szene angehörte. Der Fall bekommt schnell eine dramatische Wendung, da Maliks Kollege Jan West ein Video zugespielt wird, das dessen persönliche Verwicklung in den Fall bescheinigt. West besteht darauf diese Informationen geheim zu halten und bittet Malik darum, gemeinsam mit ihm parallel zu den offiziellen Ermittlungen eigene Nachforschungen anzustellen. Malik lässt sich aus ehrlicher Loyalität zu West darauf ein, findet aber schon bald den Absprung nicht mehr und setzt Karriere und Familie aufs Spiel.

Die Handlung entfaltet sich allein durch Maliks Erzählungen in der Therapie, „Finsternis“ ist ein reiner Gesprächsroman, der ausschließlich in der Praxis von und im Gespräch mit seiner Therapeutin spielt. Das erfordert von den Lesenden einiges an Konzentration und Aufmerksamkeit, da der beschriebene Fall eine Anzahl an Personen und (vermeintlichen) Personenkonstellationen beinhaltet, die vermutlich in einem Nicht-Gesprächsroman schon kompliziert gewesen wären. Durch die konzentrierte Wiedergabe im Gespräch gewinnt der Fall zusätzlich an Spannung und Geschwindigkeit, lässt aber auch einige Lücken und offene Enden. Das tut dem leichten Grusel und Schauer, hervorgerufen sowohl durch das klaustrophobische setting des Gesprächs wie auch das der BDSM-Szene, und vor allem der am Beispiel dieser Szene durchdeklinierten (universellen) Definition von Freiheit und Macht, absolut keinen Abbruch.

Friederike Schormann

Steven Uhly: Finsternis. Secession Verlag. 978-3-906910-86-4. 20 Euro.

Valentine Imhof – Aus lauter Zorn

Alex Fjaersten, die Protagonistin von Valentine Imhofs Roman „Aus lauter Zorn“, ist freiberufliche Journalistin, sie schreibt hauptsächlich (Musik-)Reportagen, ist dementsprechend viel unterwegs. Für ihr aktuelles Stück über Trent Reznor trifft sie einen seiner ehemaligen Bandkollegen, zumindest gibt der Mann vor dies zu sein. Etwas in Alex‘ Vergangenheit scheint sie weiter zu verfolgen – physisch wie psychisch. Alex ist davon überzeugt, dass jener Mann ein Teil ebendieser Vergangenheit ist und gekommen ist um nach ihr zu suchen. Sie tötet ihn und flieht zu einem Freund nach Belgien.

All dies geschieht nur auf den ersten wenigen Seiten. Die Lesenden bleiben lange im Dunkeln was Alex‘ Vergangenheit sowie ihre gegenwärtige Motivation anbelangt und so bleibt nichts als ihr zu folgen und zu glauben. Ihr zu folgen bedeutet sich tief in die Abgründe von körperlichem und vor allem seelischem Schmerz hineinzubegeben, den Alex durch körperliche Grenzerfahrungen zu bekämpfen, und durch die vollständige Tätowierung ihres Torsos einzuschließen versucht.

Es dauert etwas bis sich das Bild von Alex klar zusammensetzt, Inhof lässt sich Zeit für die Zeichnung ihrer Figur, Beschreibungen nehmen den größten Teil des Buches ein, der Anteil an Dialogen dageben ist verschwindend gering – aber das ist auch gut so.

Die Stimmung ist düster und beinahe verstörend, teilweise an der Grenze des Aushaltbaren: Trent Reznor ist wirklich der optimale Soundtrack zu diesem Buch.

Friederike Schormann

Valentine Imhof: Aus lauter Zorn. Übersetzt von Roland Voullié. Polar Verlag. 978-3-948392-06-2. 22 Euro.

Sebastian Barry – Tausend Monde

Mit einiger Verspätung soll hier eins der literarischen Highlights des vergangenen Jahres Erwähnung finden. Sebastian Barrys „Tausend Monde“ ist der Nachfolger von „Tage ohne Ende“ und wieder stehen die (mittlerweile ehemaligen) Unionssoldaten Thomas McNulty und John Cole im Mittelpunkt der Erzählung. Viel mehr so jedoch das von den beiden adoptierte Lakota Mädchen Winona, diesmal die Stimme und das Herz des Buches. Ihre eher ungewöhnliche Familie komplettieren die beiden Freigelassenen Rosalee und Tennyson Bougeaurau, sowie Lige Magan, auf dessen Farm sie alle leben und arbeiten. Sie alle leben bedingungslos für- und miteinander. Zwei gewaltsame Ereignisse bestimmen die Handlung von „Tausend Monde“ in erster Linie. Doch Gewalt ist im Tennessee der 1870er Jahre allgegenwärtig. Gegenüber Menschen wie Winona, Rosalee und Tennyson sowieso; doch auch zwischen den Fronten des eigentlich beendeten Bürgerkriegs. Es lässt zuweilen an aktuelle Zeiten denken, wenn vermeintlich besiegte Konföderierte im Hinterland Armeen und Siedlungen aufbauen, nur um dann wenig später in Ehren auf den Richterposten erhoben zu werden. Recht und Unrecht verschwimmen nicht unbedingt, sind aber definitv losgelöst von jedweder Gesetzgebung. Und auch die Verzweiflungen und Unwissenheiten der Vergangenheit (vielleicht waren auch Thomas und John an dem Massaker an Winonas Familie beteiligt? Vielleicht war es ihr Verlobter Jas Jonski, der sie brutal misshandelt hat?) sind dem Überleben und dem möglichst guten Leben der eigenen Person und vor allem der Wahlfamilie untergeordnet. Das schließt sowohl bedingungslose Liebe und Fürsorge, wie auch Rache und Vergeltung mit ein. „Tausend Monde“ ist somit ein Buch voller Gewalt und Traurigkeit und Verzweiflung, aber auch voller Hoffnung und Inspiration. Auf jeden Fall eins der schönsten Bücher des vergangenen Jahres!

Friederike Schormann

Sebastian Barry: Tausend Monde. Übersetzt von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag. 978-3-95829-775-3. 24 Euro.

Wolfgang Schorlau – Kreuzberg Blues (Krimi)

Als Denglers Liebste Olga einen Anruf von ihrer Berliner Freundin Silke bekommt, kann Dengler es kaum fassen: Silkes kleine Tochter wurde nachts in ihrem Bett tatsächlich eine Fingerkuppe von einer Ratte abgebissen. Jemand hat die gefräßigen und aggressiven Tiere im Treppenhaus ausgesetzt. Während Olga im Krankenhaus Silke unterstützt, setzt Dengler alles daran, die Wahrheit herauszufinden. Ist der Immobillienunternehmer und Hauseigentümer Kröger für die Tat verantwortlich, der Mieterhöhungen durch Neuvermietungen durchsetzen will? Oder steckt noch mehr dahinter? 

Virtuos verknüpft Wolfgang Schorlau in seinem zehnten Dengler-Fall die Themen Immobilienspekulation, skrupulöse Finanzunternehmen, Mieterbewegung, rechte Seilschaften in den Geheimdiensten, und es gelingt ihm sogar, auch die ersten Auswirkungen der Corona-Pandemie einzubeziehen, ohne dass es konstruiert wirkt. Ein politischer Krimi, der uns alle angeht, weil er hier und jetzt direkt vor der Haustür spielt. Schorlau zoomt heran; setzt einen mit Leichtigkeit und außerordentlich spannend ins Bild und man spürt auf jeder Seite, wie lange er schon zu den betreffenden Themen recherchiert. Tolle Lektüre!

Steffi Diez

Wolfgang Schorlau: Kreuzberg Blues. Kiepenheuer & Witsch Verlag. 978-3-462-00079-5. 22 Euro

Hans Rosenfeldt – Wolfssommer (Krimi)

Hans Rosenfeldt, bekannt vor allem als Co-Autor der Sebastian Bergmann-Reihe, begründet nun mit „Wolfssommer“ eine neue Krimi- bzw. Thrillerreihe rund um die Polizistin Hannah Wester. Wie auch schon die Serie „Die Brücke“, für die Rosenfeldt das Drehbuch schrieb, spielt „Wolfssommer“ in einer schwedischen Grenzregion, diesmal ist es jedoch der Hohe Norden, die Kleinstadt Haparanga direkt an, beinahe auf der Grenze zu Finnland. Initial für die Ermittlungen von Hannah Wester ist der Fund eines toten Wolfes und ihres Jungen – in ihren Mägen werden Teile einer menschlichen Leiche gefunden. Der Tote ist recht bald gefunden. Es scheint ein junger Russe zu sein, der (zunächst) einzige Überlebende einer Drogenübergabe in Finnland, die – ob geplant oder nicht – brutal aus dem Ruder gelaufen ist und in deren Folge nun drei Sporttaschen mit Amphetaminen und mehreren hunderttausend Euro verschollen sind. Die kleine Polizeiwache in Haparande bekommt schnell Unterstützung aus den umliegenden Großstädten (musste man sich doch bis dato in der Regel mit Trunkenheit am Steuer und dergleichen Delikte beschäftigen) und aus dem benachbarten finnischen Rovaniemi, wo die misslungene Drogenübergabe stattgefunden hat. Auf der Suche nach den Drogen und dem Geld ist natürlich auch der Besitzer, ein dubioser russischer Oligarch, der nicht nur einen Spitzel bei der Polizei hat sondern auch noch eine Auftragskillerin ins Nachbarland schickt. Letztere versteht was von ihrem Fach und so wird in „Wolfssommer“ mit Toten nicht gegeizt, was auch aufgrund der angewandten Techniken dazu führt als Leser*in zuweilen kurz innehalten zu müssen. Darüber hinaus blickt die sehr allwissende Erzähler*innenstimme immer wieder auf die ganze Stadt oder hinein in einzelne Köpfe, ist für zwei Sätze bei einer „wahllosen“ Person aus Haparanda. Das mutet zuweilen ein bisschen pathetisch an, ist auf der anderen Seite aber eine erfrischende Erweiterung des Blickwinkels auf etwaige größere Zusammenhänge und zeigt vor allem, dass die Geschichte(n) um Hannah Wester für weitere Fortsetzungen bestimmt. Ob nun die Person, die mutmaßlich aus ihrer Vergangenheit auftaucht, wirklich diejenige ist, die Hannah in ihr zu sehen glaubt werden wir dann wohl in Kürze erfahren.

Friederike Schormann

Hans Rosenfeldt: Wolfssommer. Übersetzt von Ursel Allenstein. Wunderlich. 978-3-8052-0002-8. 22 Euro.

Volker Kutscher – Olympia (Krimi)

Die Geschichte um Gereon Rath ist mittlerweile im Jahr 1936, dem Jahr der olympischen Spiele in Berlin, angekommen. Da Gereon es aufgrund seiner anfänglichen „die Nazis werden sich eh nicht ewig halten, bald ist der Spuk wieder vorbei“-Ignoranz nicht geschafft hat, eine klare Haltung das Regime betreffend einzunehmen (ganz im Gegenteil zu seiner Ehefrau Charly) und auch sonst in der Vergangenheit einige Fehler begangen hat, findet er sich nun in der Hand des SS-Obersturmbannführers Sebastian Tornow wieder, der ihn erpresst und nach seiner Pfeife tanzen lässt. Das führt dazu, dass Gereon im olympischen Dorf den Tod eines amerikanischen Delegierten „aufklären“ soll. Noch bevor mit den Ermittlungen begonnen werden kann, steht für die SS schon fest, dass es sich um ein kommunistisches Komplott zur Schädigung der Spiele handeln muss. Parallel ruft der vermeintliche Unfalltod mehrerer Soldaten aus dem Umfeld Hermann Görings Geister der Vergangenheit (physisch und psychisch) auf den Plan. Und während Charly die finale Ausreise der beiden nach Prag plant und auch der ehemalige Ziehsohn Fritze eine Entscheidung treffen muss, wird Gereon immer tiefer in die Machenschaften der SS reingezogen, sodass es schlussendlich nur noch einen Ausweg gibt.

Es wird immer finsterer in Kutscher’s Berlin der 30er Jahre, wirkliche Hoffnung gibt es für keine*n der Protagonist*innen noch. In Sachen Gewalt und NS-Rhetorik legt Kutscher gefühlt auch nochmal einen Zahn zu. Eventuell lohnt sich vorab eine Re-Lektüre von „Marlow“ um einzelne Handlungsstränge wieder im Gedächtnis zu haben. Wie es aber mit diesem Ende des Buches noch ein bis zwei weitere Bände geben soll bleibt eine sehr spannende Frage!

Friederike Schormann

Volker Kutscher: Olympia. Piper. 978-3-492-07059-1. 24 Euro.

Denise Mina – Götter und Tiere (Krimi)

„Die nicht in Gemeinschaft leben oder ihrer nicht bedürfen, sind entweder Götter oder Tiere“ – eine Kurzversion dieses Aristoteles-Zitates trägt Martin Pavel als Tattoo. Er ist ein Millionenerbe, der als Unbeteiligter bei einem Raubüberfall auf eine Glasgower Postfiliale einen kleinen Jungen schützt – wider Willen. Der Großvater des Kindes wird beim Überfall erschossen, keiner weiß, warum er sich kurz vorher dem Räuber als Helfer angeboten hat.

In diesem 3. Band der Reihe um Detective Sergeant Alex Morrow berühren sich viele kontrastierende soziale Realitäten: Ein charismatischer Labour-Politiker aus gutem Hause gerät wegen seiner außerehelichen sexuellen Affären ins Rampenlicht, der tote Großvater aus der Postfiliale war ein engagierter Gewerkschaftler, den eine korrupte Bande bedrohte und nachdem zwei Detective Constables bei einer Auto-Observierung einen Sack voll Geld an sich genommen haben, steht bei der Polizei eine interne Untersuchung an. Und das, obwohl DS Morrow selbst – es ist kurz vor Weihnachten – sich nichts sehnlicher wünscht, als zum Fest nach Hause zu ihrem Mann und ihren 4 Monate alten Zwillingen zu können. Doch die müssen auf sie warten…

Denise Mina, die schottische „Queen of Tartan Noir“, erzeugt einmal mehr Spannung durch überzeugend charakteristische Figurenzeichnungen fern von Klischees, so dass man zwar mit keinem der auftretenden Protagonisten befreundet sein möchte, aber doch überall absolut mitfiebert. Auch der im letzten Jahr auf deutsch erschienene Krimi „Klare Sache“ von Denise Mina ist übrigens großartig.

Steffi Diez

Denise Mina: Götter und Tiere. Übersetzt von Karen Gerwig. Argument Verlag. 978-3-86754-246-3. 21 Euro

Anne Weber – Annette, ein Heldinnenepos

Auf einer an eine Filmaufführung anschließenden Podiumsdiskussion in Südfrankreich trifft die Autorin Anne Weber eine 95-jährige überaus lebendige Frau, die ihr beim Diner am Abend ihre unglaubliche Lebensgeschichte erzählt. Es ist Annette Beaumanoir, Neurologin, Weltverbesserin, ehem. Mitglied der kommunistischen Résistance, unerschrocken und selbstverständlich für Freiheit und Menschenrechte und gegen Unterdrückung kämpfend. Annette hat mehrere Leben gelebt: Sie ist Mutter dreier Kinder, rettete während des Zweiten Weltkriegs jüdische Mitbürger vor der Verhaftung, war in den algerischen Unabhängigkeitskampf verwickelt, wurde verhaftet und floh ganz nach Algerien, um der französischen Haftstrafe zu entgehen. Dort baute sie die staatliche Gesundheitsversorgung auf, bevor sie Mitte der 60er Jahre nach Genf ging.

Anne Weber läßt das Genre der Heldendichtung als HeldINNENepos aufleben, in Versen und mit Flattersatz, zwanglos eigenwillig und experimentell – und dennoch liest sich der Text leicht, lustvoll spannend und berührend. Er wurde im Oktober mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Wem die poetisierte, oft verknappte Form von Anne Weber nicht zusagt, sei die ausführliche Autobiographie von Anne Beaumanoir empfohlen, die im Verlag Contra Bass auf deutsch in zwei Bänden erschienen und unter dem Titel „Wir wollten das Leben ändern.“ lieferbar ist.

Steffi Diez

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Verlag Matthes & Seitz. 978-3-95757-845-7. 22 Euro

Karosh Taha – Im Bauch der Königin

„Im Bauch der Königin“ ist auf den ersten Blick ein Wenderoman. Im Zentrum der Geschichte stehen Younes und seine alleinerziehende Mutter Shahira. Shahira kleidet sich freizügig und lebt in keiner monogamen Beziehung. Tatsachen, die in der irakisch-kurdischen Community eher mit Argwohn betrachtet werden. Younes leidet unter dem Ansehen seiner Mutter und hat sich infolgedessen in sich zurückgezogen, verbringt die meiste Zeit im Boxclub. Um Younes und Shahira dreht sich die Geschichte, die in einem Teil von Younes Freund Raffiq, und im anderen Teil von seiner besten Freundin Amal erzählt wird. Es handelt sich jedoch nicht einfach um einen Perspektivwechsel, sondern um zwei Möglichkeiten wie sich diese Geschichte und die darin enthaltenen Konstellationen hätten entwickeln können. Es geht nicht nur um ein mögliches Spannungsfeld irakisch-kurdischer Traditionen und Strukturen versus deutsche Ansichten, sondern vor allem auch um die universelle Wahrnehmung von weiblichen Lebensentwürfen, wenn diese von vermeintlichen Normen abweichen. Empfehlung: erst den Teil mit Raffiq als Erzähler lesen!

Friederike Schormann

Karosh Taha: Im Bauch der Königin. Dumont. 978-3-8321-8394-3. 22 Euro.